Warten auf den Frühling

Die Kälte kann wahrlich brennen
wie Feuer. Die Menschenkinder
im Schneegestöber rennen
und laufen immer geschwinder.

Oh, bitt‘re Winterhärte!
Die Nasen sind erfroren
und die Klavierkonzerte
zerreißen uns die Ohren.

Weit besser ist es im Summer,
da kann ich im Walde spazieren,
allein mit meinem Kummer
und Liebeslieder skandieren.

[Heinrich Heine]

Altweibersommer

Der Abschied ist nun angesagt,
es trauert die Natur,
der Sommer ist zu sehr betagt,
es läuft jetzt seine Uhr.

Das Werden ist Vergangenheit,
es setzt das Scheiden ein,
es zeigt sich in Erhabenheit
als herbstlich schöner Schein.

Ein silberfarbnes Nachtgewand
ummantelt Berg und Tal,
die Welt – sie glänzt im Ruhestand,
die Sonne leuchtet fahl.

Es perlt der Tau von Halm und Blatt,
der Himmel zeigt sein Blau
und jeder Tropfen spiegelt matt,
verschönt des Abschieds Grau.

Vollzogen wird ein schwerer Gang
in stiller Harmonie,
es ist des Lebens Abgesang,
erlöschen wird es nie.

[Klaus Ender]